[ 24. 05. 2004 ]
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Die heutige Vorlesung leitet ein Semester ein, in dem das, was Sie vielleicht schon
kennen, nämlich ein Gebäude zu konzipieren, auf die Probe gestellt wird. Auf die
Probe gestellt, indem nicht nur der Glaube und das Versprechen von Qualität zählen,
sondern der Weg zum Sichtbarmachen angetreten wird. Wir werden näher an die Dinge
herantreten und mehr wissen wollen, über das, was im Maßstab 1:100 einmal eine Linie
war und was jetzt im M1:10 bis M1:1 zum Bauteil, zum Machbaren zum Wirkenden werden
soll. Die Arbeit, die in diesem Semester ansteht, wird uns in eine Sphäre führen, die
das Verhältnis von Idee und räumlichem Ausdruck deutlich macht. Es wird uns gehen wie
einem Schriftsteller, der eine Geschichte schreiben möchte: Zuerst ist da die vage
Idee eines Themas mit undeutlichen Grenzen, mit Referenzen an Bekanntes und mit dem
Willen Neues zu schaffen. Dem gegenüber steht die Gesetzmäßigkeiten der Sprache,
Bedeutungen und Fügungsmöglichkeiten. Doch was am meisten Arbeit macht, ist es, das
was man sich vorstellt auch tatsächlich auszudrücken und auf Verständnis zu stoßen.
Dieses zur Sprache bringen, die Sprache der Architektur weiter kennenzulernen ist das
Thema des dritten Semesters.
Einer, der sich viel Gedanken über die Gesetzmäßigkeiten der Sprache gemacht hat und
auch in die Architekturproduktion eingestiegen ist, war der österreichische Philosoph
Ludwig Wittgenstein. Er weist darauf hin, daß die Architekturproduktion immer auch
ein Erklärungs- und Versicherungsversuch für uns und die Welt ist. "Die Arbeit an der
Philosophie ist vielfach wie die Arbeit in der Architektur - eigentlich die Arbeit an
Einem selbst. An der eigenen Auffassung. Daran wie man die Dinge sieht (und was man
von ihnen verlangt)." Das unterscheidet die Architektur vom Häuserbauen.
Es gab sicherlich Zeiten, in den Behaustsein und Weltsicht eins waren. Seit der Mensch die vorgefundenen Verhältnisse des Behaustseins nicht mehr hinnimmt, dokumentiert sich in der Art des Bauens seine Konstruktion von Welt. Wie die Welt sich ordnet, strukturiert oder hierarchisiert, davon zeugen Bauwerke.
Jede Gesellschaft versucht eine schlüssige Erklärung für das Dasein zu finden. Im einfachsten Fall bildet sie die bestehende Weltsicht und die Herrschaftsstrukturen ab und dabei kann man tatsächlich wörtlich nehmen, daß wir nur so denken können wie wir bauen und nur so bauen wie wir denken
Im günstigsten Fall öffnet der Bauende Möglichkeiten und denkt mit einem Bauwerk die Welt vor - bis hin zu einem Ideal, wie es wahrscheinlich nie erreichbar ist, der UTOPIE. Thomas Morus -1477-1535 (Entdeckungsfahrten von Columbus 1492), auf den die Wortschöpfung zurückgeht, beschreibt in seinem zweiteiligen Werk "UTOPIA" zuerst verklausuliert die Lage Londons zu Beginn des 16.Jhd und danach einen Inselstaat, einen Nicht-Ort, der durch seine Lage, die Möglichkeiten für den Aufbau einer gerechten Gesellschaftsordnung begünstigt. Das verlorengegangene Ideal und das formulierte, sind die Pole zwischen denen sich die Entwicklung des Raumes bewegt. Für die Arbeit von der Konzept bis zum Detail muß es eine Übersetzungshilfe und eine Qualitätskontrolle geben. Dazu, um nicht bei jeder Schwierigkeit aus der Bahn geworfen zu werden, bedarf es einer Strategie. Das Semester wird eines werden, bei dem man sich mit der Arbeit und dem Ergebnis noch stärker als bisher identifiziert und man wird in Maßstabssprüngen das kleinste Teil würdigen lernen und den Überblick behalten müssen.Dazu wünsche ich viel Erfolg.