[ 24. 05. 2004 ]
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Ich möchte Ihnen am Beispiel eines Gebäudes, daß zwar durch die Journale geistert, kaum aber besucht wird, zeigen, wie eine Arche, ein Architekturutopie funktioniert.
Ein in jeder Beziehung ungewöhnliches, extremes Haus: Ort, Lebensstil des Bauherrn und die grundsätzliche Behandlung der Elemente der Architektur machen dieses Gebäude zu einem Lehrstück, das uns andere Architektur genauer betrachten läßt, nämlich als Folge und Voraussetzung dieses Gebäudes:
Maison de Verre - Haus aus Glas (1927-31)
31, Rue St. Guillaume,
75007 Paris
Diese Arche haben zwei Männer initiiert, die eine Idee von einem
andere Leben hatten.
Architekt + Bauherr sind zwei Menschen, deren Möglichkeitssinn sehr
ausgeprägt ist, sie können sich vorstellen, über Grenzen zu gehen.
Der Bauherr, Jean Dalsace ist Gynäkologe und ein politisch
engagierter Mensch (Empfängnisverhütung - Algerienkrieg), der
Architekt des Gebäudes ist Pierre Chareau - CIAM Mitglied, also ein
Vertreter der Bewegung der Moderne.
Sie haben eine Vorstellung von Lebenskultur, die eine ganz alte ist,
nämlich das Konzept von Leben und Arbeiten unter einem Dach. Dalsace
möchte ein Wohnhaus mit Praxis erstellen lassen, das völlig flexibel
und durchlässig ist und alle Möglichkeiten offen läßt. Beide sind sich
einig - die moderne Lebenspraxis braucht eine angemessene Hülle.
Der Arzt Dalsace kauft ein bebautes Grundstück in der Rue
Saint-Guillaume. In einer Gegend, die später das Revier der
Existentialisten sein wird, mit dem Café Fleur und dem Deux Magots. Es
ist ein extremer Bauplatz. Man begibt sich in einen Hinterhof zwischen
zwei Brandwände. Die Belichtungssituation ist schwierig. Wenigstens
ist das Grundstück günstig ausgerichtet - Erschließung von Norden,
Garten im Süden.
Das Grundstück muß allerdings noch freigemacht werden. Es ist mit
einem Gebäude aus dem 18.Jahrhundert bebaut.
Die oberen Etagen des Gebäudes sind noch vermietet und die Mieterin
nicht zum Auszug zu bewegen. Also ein weiteres, nicht unerhebliches
Problem.
So enschliessen sich Bauherr und Architekt, für ein Verfahren der
Gleichzeitigkeit (Möglichkeitssinn).
Die Dame bleibt in ihrer Wohnung aus dem 18.Jahrhundert wohnen und es
wird trotzdem gebaut.
Der Bau beginnt also mit einer Improvisation.Chareau reagiert auf die
GegebenheitenUnd es erweist sich, dass Improvisation nur bei
souveräner Beherrschung des Handwerks möglich ist. Geschickt wird
diese erste Hürde genommen.
Der Raum wird einfach freigestellt.
Durch die Unterstützung des dritten Geschosses mit Stahlstützen werden
die geringsten Vorgaben für das weitere Vorgehen gemacht.
Damit kommen wir zu drei Elementen des Bauens und der Raumbildung:
Stütze, Ebene und Wand, die hier in besonderer Weise behandelt werden.
Die Stütze als konstruktives Element gibt der Raumidee die Möglichkeit
zur vollen Entfaltung zu kommen. Auf einen geringen Querschnitt
reduziert, wird die Last abgetragen. An der Behandlung der Stütze ist
abzulesen, daß dieses Element aber durchaus ernst genommen und
ausgeformt werden muß. Chareau läßt das industrielle Halbzeug zwar
sichtbar und verwendet für die damalige Zeit eine schon eher
altmodische Fügungstechnik (Nieten), zeigt damit aber deutlich, wie
das Objekt gemacht ist. Zum anderen veredelt er das Objekt durch die
Farbigkeit, die die innere Kraft und Spannung ausdrückt und durch die
Beschichtung der Flansche mit Schieferplatten, deren matte Oberfläche
eine edle, feine Anmutung erzeugen. Selbst auf ein klassisches Motiv,
das Kapitell wird angespielt, indem die Stöße der Träger gezeigt
werden.
Die Behandlung der Stütze zeigt Chareau am Scheideweg- hin zur
Moderne. Gleichzeitig verwendet LC seine Pilotis an der Villa Savoye
in abstrahiertester Form der Stütze, aber Chareau bringt den Zweifel
und die sensible Ebene in seine Gestaltung ein.
Die Ebenen oder Decken, die den horizontalen Raumabschluß bilden, hier stellvertretend durch die notwendigen Stufen und Treppen dargestellt, sind weitere Elemente, die für die Raumidee eingesetzt werden. Bereiche, die unterschiedlichen Funktionen dienen werden durch Niveausprünge gekennzeichnet, so daß dem sich bewegenden Menschen, die Abgrenzungen körperlich spürbar werden.
An drei Beispielen sei gezeigt, wie sich die Verhältnisse der Räume durch die Art der Treppen charakterisieren.
Die Treppe zum größten repräsentativen Raum ist eine äußerst luftig
konstruierte Holmtreppe, deren Betonstufen mit Kautschuk belegt sind.
Sie hat keinen Handlauf, oder zumindest nur in Kniehöhe und vermittelt
dem Benutze ins Olymp aufzusteigen, auch deshalb, weil sie gegen die
helle Aussenwand gerichtet ist.
Man gelangt über sie zum zweigeschossigen Salon.
Die Treppe, die sich dem vorhergehenden Lauf anschließt ist viel
dichter und enger konzipiert und signalisiert den Aufstieg in die
privatere Etage.
Hinauf zu einem umlaufenden Gang, der den Blick in den Salon freiläßt.
Die dritte Treppe ist als Zugtreppe konzipiert und hat ganz
offensichtlich nur provisorischen Charakter, ist shortcut für die Dame
des Hauses.
Sie endet quasi unter dem Bett.
Die Wand oder der vertikale Raumabschluß kann variantenreich zelebriert werden, da sie nichts weiters als den Raumabschluß bilden muß. Sie ist ihrer Funktion zu tragen durch die Stützen enthoben.
Die Trennwände können frei plaziert werden und ihre Oberflächen werden
vielfältig gestaltet.
Die Aussenwand hat eines der Hauptprobleme des Grundstückes zu lösen.
Durch die Hinterhoflage und die flankierenden Brandwände ergibt sich
eine schwierige Belichtungssituation.
Chareau will das Maximum und denkt um die Ecke, indem er den Anteil der massiven Wand, in die üblicherweise Löcher geschnitten wurden, auf Null reduziert und den Fensteranteil auf 100% setzt.
Tagsüber ist die Wand für den Innenraum die hellste Fläche, nachts leuchtet sie in den Aussenraum.
Das gelingt ihm, indem er ein Material wählt, das beide Eigenschaften
Wand und Fenster zu sein gleichzeitig bietet, den Glasstein.
Er bietet mit seinen Materialeigenschaften die Lösung für das Problem.
Zu Chareaus Zeiten wurden diese Steine zwar schon im Bauen eingesetzt,
er hat sie also nicht erfunden, ist aber der erste der sie mit dieser
Rigorosität einsetzt. Der Hersteller gibt deshalb auch keine Garantie
für sein Produkt in dieser Anwendung. Der Stein streut durch seine
Ausformung das Licht in den Raum.
Damit ist er Wegbereiter des Structural Glazing.
Aber die Wand ist in ihrem Aufbau noch mehr für das Gebäude. Sie ist
ein Maßregler. Denn die 91cm, die vier aneinandergelegte Steine
ergeben, sind das Maß für Ausbauteile wie Türen, Paneele und Schränke.
Angeblich wird nämlich ohne Planung gebaut. Vieles intuitiv auf der
Baustelle entschieden. Das funktioniert aber nur mit einem Leitmotiv,
einem Generalbaß.
Für die Belüftung, die das größte Problem für die Baubehörde darstellt, werden Klappfensterflügel eingesetzt, die gleichzeitig auch Aussicht aus den Individualräumen in den Gartenbereich, den Wartezimmerbereich in die Baumkronen und für das Personal in den Hof geben.
Das Thema Raumabschluß wird in diesem Gebäude geradezu zelebriert. Ich
möchte Ihnen dafür fünf Beispiele geben.
Für die Waschgelegenheiten in den Individualräumen werden klappbare
Lochblechkabinen gebaut.
Schränke werden mit Glasseitenteilen ausgestattet, um die darin befindlichen Gegenstände besser sehen zu können.
Schränke werden drehbar und vielfach ausziehbar als Raumteiler,Sichtschutz und zur Raumökonomie eingesetzt.
Mit Schiebewänden lassen sich die Raumzusammenhänge dramatisch verändern.
Zuletzt zeigen zwei Details die höchste Stufe des Abschlusses: eine Klappe wie in Karmelliterklöstern als Verbindung zwischen einem kleinen Salon und der Anrichte, sowie eine Telefonzelle im Büro des Arztes, deren Beleuchtung beim Betreten sich automatisch einschaltet.
Charreau baut viel sichtbarer als seine Kollegen tatsächlich die Maschine zum Leben. Die Verwendung von Halbzeugen aus dem Maschinenbau, verrückte Haustechnik und die aufdringliche Veränderbarkeit machen das Gebäude zu einer Herausforderung, die der Sohn des Hauses sobald er volljährig wurde, floh.
Wenn wir dieses Haus nun betrachten und wir außer einer Anekdote und Überraschung etwas mitnehmen wollen, so ist es die Strategie Chareaus, die wir in der eigenen Arbeit anwenden könnten. Sie läßt sich im wesentlichen auf zwei Begriffe reduzieren: Gleichzeitigkeit und Trennung.
Sein Vorgehen zeigt uns, daß räumliche Probleme gelöst werden können, indem scheinbar festgelegte Tatsachen, daß beispielsweise zwei Dinge nicht gleichzeitig am selben Ort sein können, angezweifelt werden und daß ein Problem, wenn es in seine Bestandteile zerlegt wird, leichter lösbar ist und die Teile später wieder zu einem ganzen zusammenfügbar bleiben.
Wir arbeiten, wie ich eingangs sagte, nicht voraussetzungslos, und
die Probleme, die sich uns stellen, stellen sich wahrscheinlich nicht
zum ersten Mal in der Geschichte. Deshalb ist die Kenntnis der
Qualitäten, nicht der bloßen Quantitäten der Geschichte unerläßlich.
Wenn beispielsweise erkannt wird, daß eine Stütze ein Fundament haben
muß und der Stützenfüß vor stehender Nässe geschützt werden sollte,
ist es nicht verwerflich sich anzulehnen an Bekanntes und es zeitgemäß
zu modifizieren.
Patina - Wertschätzung des Materials. Die Rolle des Schlossers Dalbet ist nicht zu unterschätzen. Er zeigt Charreau, wie er mit dem Material umgehen kann. Aluminium und Messing.
Um architektonische Aufgaben, und seien es auch die trivialsten
bewältigen zu können, ist es zu allererst wichtig, das, was sich
später durch das Bauwerk mitteilen wird, was seine Nützlichkeit
ausmacht und wie es funktioniert, vorauszusehen. Das kann man am
besten, indem man die Wirkung von Bestehendem kennt. In erster
Konsequenz müssen dazu die Sinne geschärft werden.
Als zweites muß nachvollzogen werden, wie Gedanken zur Architektur
aufgebaut werden und sich in den Bauwerken wiederfinden.
Es gibt genügend Material von Entwerfern und Baumeistern, in dem sie
uns freundlicherweise in die Karten schauen lassen bei ihren
Überlegungen zum Bauen. Hier läßt sich Fiktion und Realität gut
überprüfen. Wir sollten aus den gelungenen Beispielen und den Fehlern
der Vergangenheit lernen.
Zuletzt muß durch eigenes geplantes Tun erlebt werden wie Strategien
umgesetzt werden können.